Zusammen gegen Einsamkeit - Jonas und das Sidewalk-Projekt

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Frisch in Frankfurt angekommen hat mich das Leid, das man hier auf den Straßen sieht, sehr beschäf- tigt. Einige Monate vergingen und ich habe oft darüber nachgedacht und viel gebetet. Als ich dann Kontakt zum Sidewalk-Team bekommen habe, wusste ich, dass mein Gebet erhört wurde und entschloss mich, dem Team beizutreten.

Bei unseren Einsätzen auf den Straßen treffen wir Leute aus unterschiedlichsten Hintergründen. Wir unterhalten uns mit ihnen, lernen sie kennen und versuchen sie einfach wertzuschätzen. Und so entstehen aus manchen Gesprächen echte Freundschaften. Auch Andreas haben wir erst nur flüch- tig auf der Straße kennengelernt. Schon zehn Jahre lebte er zu der Zeit ohne Wohnsitz, war mit seiner Familie zerstritten und bei Freunden verschuldet.

SCHNELL ENTWICKELTE SICH AUS DIESER BEKANNTSCHAFT ZU IHM EINE ECHTE FREUNDSCHAFT. GERADE IN DER ZEIT, ALS ER DANN INS KRANKENHAUS KAM, BESUCHTE ICH IHN JEDEN TAG.

Oft sagte er mir, dass er noch nie Freunde hatte, die ihm so zur Seite gestanden haben, wie unser Team von Sidewalk es tut. Das hat mich sehr berührt.

Und trotzdem konnten wir ihn nicht retten. Nachdem wir ihn vier Monate kannten, verstarb Andreas im Krankenhaus. Sein plötzlicher Tod traf uns alle wie ein Schlag ins Gesicht. Warum musste er jetzt sterben, obwohl wir gemeinsam für Heilung gebetet und daran geglaubt haben?

Am Ende dieser Zeit des Trauerns konnte ich aber mit dem Glauben daran, dass er nun an einem besseren Ort ist, Frieden damit schließen. Ich bin mir sicher, dass ich ihn eines Tages wiedersehen werde. Der Fakt, dass Andreas diese schwere Zeit nicht alleine verbringen musste, war ein motivie- render Lichtblick für mich: Wir durften ihm beiste- hen und er ist mit dem Wissen gestorben, dass er Freunde hat, die ihn lieben und dass es einen Gott gibt, zu dem er geht.

Und noch mehr habe ich dabei erkannt: Es gibt noch viele weitere Menschen wie Andreas in Frankfurt. Noch viele weitere, die alleine sind und sich über Beistand in ihrer schweren Zeit freuen würden. Deswegen will ich weiter mit Sidewalk arbeiten und durch unsere Einsätze Menschen begegnen und für sie da sein.

DIE ARBEIT MIT SIDEWALK WIRD NIE LANGWEILIG UND MAN WEISS NIE, WAS FÜR MENSCHEN MAN TRIFFT UND WELCHEN EINFLUSS MAN AUF DEREN LEBEN HAT. MAN MUSS ABER AUCH BEREIT SEIN, SEINE AN- SICHTEN ZU HINTERFRAGEN UND SICH DURCH BEGEGNUNGEN VERÄNDERN ZU LASSEN. SICH SIDEWALK ANZUSCHLIESSEN WAR EINE ENTSCHEIDUNG, DIE ICH NICHT BEREUE.
— Jonas Lüth