Gerichtssaal 1.024 - Aufenthaltsgenehmigung für Abdul

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Im Gerichtssaal 1.024 sitzen wir dem Richter gegenüber. Noch herrscht eine kühle Stimmung, es ist ganz still und man hört nur das Blättern von Papieren und ab und zu ein Räuspern. Dann beginnt die Befragung und wir sind beide sehr aufgeregt. Ich begleite heute Abdul zum Gericht, da er als Flüchtling nach Deutschland gekommen ist und nun auf eine Aufenthaltserlaubnis hofft.

Er kam nach Deutschland, um frei zu sein. Frei von den Restriktionen seines Landes und seiner Kultur. Er will frei sein und steht Konzepten wie der Zwangsehe sehr kritisch gegenüber. Deshalb flieht er nach Deutschland.

Auf einer Seite in den sozialen Medien liest er wenige Tage später ein Gedicht, das ihn sehr bewegt. Dieses Gedicht handelt von Jesus und seiner Begegnung mit einer Ehebrecherin. Als er es liest, ist er sehr berührt und kommt ins Nachdenken über vieles. Unter anderem auch darüber, wie man Menschen behandeln sollte oder wie man Fehler vergeben kann. Am Ende des Gedichtes wird zusammengefasst, dass wir vielleicht nicht genau so voll von Nächstenliebe wie Jesus sein können, aber es ihm nachahmen können und sollten. Zu dieser Zeit hatte er noch keinen Kontakt mit Leuten aus der christlichen Religion, aber nun war sein Interesse geweckt.

ER ERZÄHLT DEM RICHTER SEINE GESCHICHTE FREI HERAUS. ER IST OFFEN UND EHRLICH. ER WIRKT VERLETZLICH.

Als der Richter Rückfragen über seinen jetzigen Kontakt zur Kirche stellt und deren Einstellung

gegenüber Muslimen, berichtet Abdul von der familiären Liebe und Freiheit, die er bei Kirche in Aktion erlebt hat. Er beschreibt, dass in seiner Heimat Religionszwang herrscht und beispiels- weise über das Christentum geschimpft wird, wohingegen er bei Kirche in Aktion die Freiheit und Nächstenliebe erlebt, die er gesucht hat. Abdul spricht davon, wie er durch seine Taufe verändert wurde und nun frei über Dinge sprechen kann, die er davor wegen Schamge- fühlen und Unsicherheiten nicht äußern könnte. Außerdem erklärt er dem Richter, dass es aber nicht nur die Freiheit und die neue Religion ist, die es ihm unmöglich macht in sein Heimatland zurück zu gehen, sondern dass ihm dort der Tod droht. Da er sich vor seiner Flucht geweigert hat, seine Cousine zu heiraten, droht ihm nun der Ehrenmord.

Nach seiner Rede ist der Raum gefüllt mit Mitgefühl. Alle sind sehr bewegt und den Tränen nahe. Und nach der Urteilsbegründung fließen diese auch. Denn noch an diesem Tag bekommt Abdul seine Aufenthaltserlaubnis und wir feiern dieses Geschenk gemeinsam.

DIESER GERICHTSTERMIN WAR WIRKLICH AUSSERGEWÖHNLICH. ES WAR DER 14. FEBRUAR UND GLEICHZEITIG ABDULS GEBURTSTAG. ES WAR UNGLAUBLICH BERÜHREND UND PASSEND, DASS ABDUL GERADE AN DIESEM TAG DIESES GESCHENK BEKOMMEN HAT.
— Robert Stösser