(Un)zertrennlich: Tina Baumann über PE/IX Wiesbaden/Mainz

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Ich stelle mir die kahlen rot beleuchteten Flure mit den wartenden Frauen vor. Wie sie Nacht für Nacht da stehen und frieren, auf einen Freier warten, um dann ihr hart verdientes Geld größtenteils für Miete und Schutz an Andere abzuzahlen. Jeden Tag fahre ich mit dem Bus an diesem großen Bordell hier in Mainz vorbei und mein Herz brennt dafür, für diese Frauen da zu sein.

SCHON LANGE BESCHÄFTIGT MICH DAS THEMA MENSCHENHANDEL, ABER BIS ZU EINEM BE- SUCH EINES GOTTESDIENSTES VON KIRCHE IN AKTION HATTE ICH KEINE AHNUNG, WIE ICH MICH IN DIESEM BEREICH KONKRET IN MEINER NEUEN WAHLHEIMAT EINBRINGEN KANN.

Als in diesem besagten Gottesdienst das PE/IX-Projekt vorgestellt wurde, konnte ich mich kaum auf dem Stuhl halten. Seit diesem Moment treffe ich mich mit den anderen ehrenamtlichen Helfern aus Mainz und Wiesbaden jeden zweiten Mittwoch, um die Frauen im Bordell zu besuchen. Und bis heute ist jeder Einsatz aufregend für mich. Kurz nach der Gründung des zusammengelegten PE/IX-Teams von Mainz und Wiesbaden fragte mich die damalige Leiterin des Projektes, ob ich mir vorstellen könnte, die Ehrenamtlichen anzu- leiten. Ich fühlte mich geehrt und nahm das Angebot an, denn ich brenne dafür, die Arbeit weiter zu entwickeln. Und so wachse ich seitdem stetig mit meinen Aufgaben als Leiterin bei PE/IX, kann dort Gott immer wieder ganz nah erleben, beeindruckende Leute kennenlernen, mit einem tollen Team arbeiten und meine Liebe für die Menschen im Rotlichtmilieu ausbauen. Aber auf meinem Weg gibt es auch einige Rückschläge und Herausforderungen. Die Hoffnung zu bewahren, auch bei vielen Gesprächen, die hoffnungslos erscheinen und dabei noch ein Team motiviert zu halten, in dem alle noch neben der ehrenamtlichen Arbeit einen stressigen Job und ein volles Privatleben haben, kann hart sein. Und eine weitere Herausforderung steht mir bevor: Da sich das zusammengewürfelte Team aus Mainzer und Wiesbadenern vergrößert hat, teilen wir sie in zwei Teams, damit jedes Team sich besser auf seine Stadt fokussieren kann. Ein Teil meines Teams an die neue Leiterin für Wiesbaden, Sabi- ne, abzugeben, wird für mich nicht leicht, auch wenn ich weiß, dass dadurch viele Möglichkeiten eröffnet werden und Sabine das großartig machen wird. Und auch die Frauen in Wiesbaden selbst nicht mehr besuchen zu können, da ich mich auf mein Team in Mainz konzentrieren werde, ist hart für mich. Trotzdem ist diese Expansion der PE/IX- Teams im Rhein-Main-Gebiet ein gutes Zeichen. Dass wir uns vergrößern können, dass wir unseren Team-Geist durch eine engere Zusammenarbeit ausbauen können, und die Chance bekom- men, dadurch für noch mehr Prostituierte und Security-Leute da zu sein, ist wundervoll.

ES GIBT NOCH SO VIEL ZU TUN UND SO VIELE FRAUEN ZU ERREICHEN! ES VERÄNDERT SICH STETIG, GIBT SO VIELE UNERWARTE- TE WENDUNGEN – WER WEISS, WAS GOTT NOCH MIT PE/IX VORHAT. ICH WÜNSCHE MIR MEHR EHRENAMTLICHE MITARBEITER, ZUGANG ZU DEN ANDEREN HÄUSERN, IN DIE WIR BISHER NOCH NICHT REIN GEKOMMEN SIND, MEHR MÖGLICHKEITEN, FRAUEN ZU BEGEGNEN UND MEHR SENSIBILITÄT FÜR DIESES THEMA IN UNSERER GESELLSCHAFT.
— Tina Baumann
GeschichteRobert Stoesser